Das Leben der Künstlerin im Kontext ihrer Zeit

1893 Gertrude Sandmann wird am 16. Oktober geboren. Sie wächst in einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Ihr Vater David Sandmann ist Fabrikant, Plantagenbesitzer in Ostafrika und Handelsrichter. Er besitzt eine 20.000 Bände umfassende Bibliothek, eine wertvolle Sammlung asiatischer sowie antiker Kunst. Zum Zeitpunkt seines Todes, 1917, umfaßt sein Vermögen ca. 2 Millionen Reichsmark.
1913-15 Da bis 1919 Frauen das Studium an Kunstakademien in Deutschland untersagt ist, studiert Gertrude Sandmann an der Kunstschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen unter anderem bei dem Maler und Grafiker Martin Brandenburg.
1915 Heirat mit dem Arzt Hans Rosenberg. Die Ehe wird kurze Zeit später geschieden.
1917-22 Studium in München bei Otto Kopp, einem Mitglied der Freien Secession. Gertrude Sandmann ist Mitglied in der USPD, der einzigen Partei, die gegen den 1. Weltkrieg gestimmt hat.
1922 Gertrude Sandmann nimmt Privatunterricht bei der bekannten Berliner Grafikerin Käthe Kollwitz.
1923-25 Nach der Ausbildung folgen Studienaufenthalte in München, Paris und Florenz. Sandmann beteiligt sich an mehreren Ausstellungen der Freien Secession und der Akademie der Künste in Berlin und arbeitet zeitweilig als Illustratorin für Modezeitschriften. Ihre erste Einzelausstellung findet bereits 1923 statt.

Das Leben der Künstlerin im Kontext ihrer Zeit

1926 Sandmann tritt aus der jüdischen Gemeinde aus und wird Mitglied in der GEDOK (Gemeinschaft Deutscher und Österreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen).
1929-34 Unternimmt Reisen an die Nord- und Ostsee, ins Riesengebirge und nach Dänemark, Italien und nach Paris. Dabei entstehen viele Landschaftsbilder.
1933 Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten setzen die Repressionen gegen die jüdische Bevölkerung sofort ein. Um sich dem zu entziehen geht Gertrude Sandmann in die Schweiz.
1934 Ein Jahr später muss sie nach Deutschland zurückkehren, da ihr die Schweiz keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis gewährt. Sandmann wird wegen "nichtarischer" Abstammung aus dem Reichsverband Bildender Künstler ausgeschlossen.
1935 Durch den Präsidenten der Reichskammer Hönig wird ihr Berufsverbot erteilt. Sie kann weder ausstellen, verkaufen noch unterrichten. Ihre Kunst wird als "entartet" gebrandmarkt und sie lebt vom Vermögen ihres 1917 verstorbenen Vaters.
1939

Im Sommer 1939 versucht sie ein zweites Mal aus Deutschland zu fliehen. Durch die Hilfe eines Kunsthändlers erhält sie ein Visa für England, doch sie bringt es nicht übers Herz ihre schwerkranke Mutter in Berlin allein zurückzulassen.

Das Leben der Künstlerin im Kontext ihrer Zeit

1939

Als Sandmanns Mutter einen Monat nach Kriegsbeginn stirbt, kann Gertrude Sandmann ihr Einreisevisum nach England nicht mehr benutzen. Sie bemüht sich vergeblich eine Einreiseerlaubnis zu ihrer Schwester, die seit 1926 in Italien verheiratet ist, zu bekommen.

1940

Ab April 1940 müssen alle Juden in Fabriken arbeiten. Gertrude Sandmann wird von dieser Zwangsmaßnahme auf Grund ihres schlechten Gesundheitszustandes befreit.

1941

Ab September 1941 muss sie wie alle Juden in Deutschland den Judenstern tragen.

Am 1.10. 1941 wird das Auswanderungsverbot für Juden verhängt. Seit 1933 haben über 300.000 deutsche Juden das Hitlerreich verlassen. Nichtsdestotrotz leben zu diesem Zeitpunkt noch fast 170.000 Juden in Deutschland.

1942

Auch nach dem Tod ihrer Mutter lebt sie im Haus der Familie Am Karlsbad 11.

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1942

Im Sommer 1942 werden ihr Onkel und ihre Tante ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Gertrude Sandmanns Situation wird immer lebensbedrohlicher. Aus Angst vor der Deportation entschließt sie sich in den Untergrund zu gehen. Am 21. November flieht sie aus ihrer eigenen Wohnung ohne Papiere, Lebensmittelmarken oder Wertgegenstände mit nehmen zu können. Ihre Grafiken hat sie bereits vor ihrem Untertauchen versteckt. Sie hinterlässt einen Abschiedsbrief, in dem sie ihren Selbstmord ankündigt. Dieser wird wenig später von der Gestapo in ihrer Wohnung gefunden und sie wird als tot erklärt.

Mehr als 10.000 Menschen, 7.000 davon allein in Berlin, versuchen, sich durch die Flucht in den Untergrund und die Illegalität der Deportation zu entziehen. Gertrude Sandmann findet Unterschlupf bei der Familie Grossmann, mit der sie seit den frühen 30er Jahren befreundet ist. Reinhold Grossmann - Arbeiter, Kommunist und überzeugter Nazi- und Kriegsgegner, nimmt sie ohne zu zögern in seiner Zweizimmerwohnung in der Onckenstrasse 11 in Berlin-Treptow auf. Für die nächsten anderthalb Jahre versteckt sich Sandmann hier in einem kleinen Zimmer. Um nicht entdeckt zu werden, darf sie bei Angriffen keine Zuflucht im Bombenkeller suchen. Ihre wichtigste Bezugsperson wird die Tochter der Grossmanns, die damals 13-jährige Sonja. Sandmann wird zusätzlich von ihrer Lebensgefährtin Hedwig Koslowski und ihrer Freundin Susy Hermans unterstützt und mit Lebensmitteln versorgt.

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1944-45

Im Sommer 1944 versteckt sie sich mit Hilfe von Hedwig Koslowski in einer unbewohnten Laube in Berlin-Biesdorf, um die Familie Grossmann nicht länger zu gefährden. Ab dem Herbst 1944 versteckt sie sich in der Wohnung von Hedwig Koslowski in Berlin-Schöneberg in der Eisenacherstrasse 103. Hier erlebt sie, gesundheitlich und psychisch stark geschwächt, die Kapitulation Nazideutschlands am 8. Mai 1945. Gemeinsam mit ca. 1.700 anderen Berliner Jüdinnen und Juden überlebt Gertrude Sandmann den Holocaust und die Kriegsjahre im Untergrund.

1945

In den Jahren ihrer Illegalität hat sie sich schwere gesundheitliche Schäden auf Grund von Unterernährung und fehlender ärztlicher Betreuung zugezogen. Einzug in eine Wohnung in der Eisenacher Strasse 89 in Berlin-Schöneberg, wo sie bis zu ihrem Lebensende wohnen und arbeiten wird. Sie bekommt ein Darlehen von der Stadt Berlin, damit sie ihre berufliche Existenz wieder aufbauen kann.

1949

Erstmalig nach dem Krieg beteiligt sie sich wieder an Ausstellungen, die von der Stadt Berlin organisiert werden.

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1951

Mitgliedschaft im Berliner Berufsverband Bildender Künstler e. V.

Gertrude Sandmann macht ihre Ansprüche auf Entschädigung als Opfer des Nationalsozialismus geltend. Zusätzlich erhält sie eine Rente als politisch und religiös Verfolgte (»PrV«). Mit Hilfe der Entschädigungs- und der PrV-Rente, ist es ihr möglich ihren Lebensunterhalt auf bescheidenem Niveau zu bestreiten. Auch nach dem Krieg bleibt ein enger Kontakt zwischen der Familie Grossmann und Gertrude Sandmann bestehen. Sandmann schickt alle zwei bis drei Monate Pakete nach Ostberlin.

1956 Sie lebt bis 1956 mit Hedwig Koslowski zusammen und danach findet sie in der Zirkusartistin und Kraftfahrerin Tamara Streck (1915-1979) eine Lebensgefährtin.
1960-80

In dieser Zeit unterstützt Gertrude Sandmann, nun bereits über siebzig Jahre alt, viele Projekte der autonomen Frauenbewegung in West-Berlin und ist Gründungsmitglied der Gruppe L 74, der ersten Nachkriegsorganisation älterer lesbischer Frauen in Berlin. Sie arbeitet als Illustratorin für die von der Gruppe L 74 herausgegebenen Zeitschrift Unsere Kleine Zeitung. Ihre Zeichnung Liebende ist drei Jahre lang das Titelbild der Zeitung. Sie veröffentlicht auch Zeitungsartikel und war Mitbegründerin des Verlages Coming Out.

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1960-80

In dieser Zeit beteiligt sich Gertrude Sandmann regelmäßig an Ausstellungen in Berlin und hat eine Einzelausstellung in der Galerie Vömel in Düsseldorf. Immer wieder verkauft sie Zeichnungen unter anderem an die Stadt Berlin. In dieser späten Phase ihres künstlerischen Schaffens, das geprägt ist von rastloser Vitalität, arbeitet sie oft schwarz auf schwarz und erreicht damit ein Höchstmaß an Abstraktion.

1981 Am 6. Januar stirbt sie nach jahrelanger schwerer Krankheit.
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Gertrude Sandmann und Hedwig Kosslowski; Fotograf unbekannt